Die Geburtenrate sinkt in Deutschland seit Anfang der Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. Nach einem kurzen Anstieg in den Jahren zwischen 2016 und 2021 ist die Zahl der Neugeborenen wieder auf das vorherige Niveau gesunken. Auch weltweit sinkt die Geburtenrate in den Industrienationen seit dem Zweiten Weltkrieg. In den USA zeigt sich der gleiche Abwärtstrend – doch den schärfsten Knick hat die Linie nach dem Jahr 2007 gemacht.
Geburtenrate in Deutschland
Statistischer Bundesamt
Nun wollen Wissenschaftler des National Bureau of Economic Research, eines renommierten Forschungsinstituts, einen Schuldigen für diesen Rückgang gefunden haben: das iPhone. Die Argumentation der Wissenschaftlerinnen Caitlin Myers und Ezekiel Hooper ist nachvollziehbar. Um einen generellen Rückgang zu erklären, benötigt es einen Faktor, der sich auf die gesamte Bevölkerung auswirkt.
Dieser Faktor soll zudem nicht über längere Zeit heranwachsen, sondern sein Eintreffen soll klar datiert sein. Die Verbreitung des iPhones bietet eine Grundlage für eine statistische Studie: Das Gerät war bis 2011 nur über den Anbieter AT&T verfügbar. Die Wissenschaftler verglichen aufgrund dieser Tatsache die Geburtenraten in den Gebieten mit einer hohen AT&T-Kundenrate mit Gegenden, in denen die Konkurrenz wie Verizon stärker war.
Die Studienergebnisse zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Rückgang der Geburtenraten, besonders in den Altersgruppen der 15- bis 19-Jährigen und der 20- bis 24-Jährigen. In diesen beiden Altersgruppen sanken die Geburtsraten um 4,5 bis 8 Prozent bei der jüngsten Altersgruppe und um 3,2 bis 6,6 Prozent in der Altersgruppe von 20 bis 24 Jahren im Vergleich mit den Kontrollgruppen.
Geburtenraten in den Altersgruppen
IS THE IPHONE BIRTH CONTROL? CAUSAL EVIDENCE FROM AT&T’S 2007–2011 CARRIER MONOPOLY
Jedoch hat die Studie einige Haken: Zum einen war die Kundschaft bei AT&T zur untersuchten Zeit eher in den Städten angesiedelt, gut gebildet und im Schnitt eher weiß. Zum anderen merken die Wissenschaftler selbst an, dass die Geburtenrate in den jüngsten Altersgruppen schon vor 2007 sank, sich für ein paar Jahre um den fraglichen Zeitpunkt herum stabilisierte, um später weiter zu fallen.
Anhand dieser Entwicklungen könnte man auch zu einem anderen Schluss kommen: Den Geburtenrückgang am iPhone festzumachen, ist wohl genauso schlau wie häufige Geburten dem Storch zuzuschreiben. Das iPhone, bzw. das Smartphone generell, ist in den USA und später weltweit eher ein Symptom als eine Ursache für fortschreitende Urbanisierung.
Es ist zwar ein Mittel der Digitalisierung, doch diese würde auch ohne bestimmte Gerätetypen fortschreiten. Zudem ist der Rückgang der Geburtenrate bei minderjährigen Mädchen nicht unbedingt etwas Negatives, werden viele ungeplante und ungewollte Schwangerschaften verhindert. Kurzum: Das iPhone ist ein cooles technisches Gadget, doch wichtige Lebensentscheidungen treffen die Menschen für gewöhnlich anhand der Interaktion mit anderen Menschen.

